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50 Jahre "living in jazz"



Autumn In New York

Nach dem obligaten Mitternachtstee an seinem Bett zusammengebrochen fand Heide ihn am Morgen. So tröstlich der Sekundentod des Vierundsechzigjährigen, so grausam die neue unüberhörbare Stille. Am Abend im Blaumann noch traf er bei Gerken den alten Lothar, prima, dich zu sehen, Mensch, sag mal. Einer geht noch. Es zog sich. Stunden später am Dienstag gab es Heinz Wendel nicht mehr. Der Dienstag aller Dienstage ein Jahr darauf blieb ihm erspart, der Sekundentod von Tausenden in Manhattan, wo nebenan in Harlem sechs Jahrzehnte zuvor den ersten Midnight Drink der Bebop kippte. In diesem Bebop klafft nun, der Skyline gleich, ein Leerraum, klanglos, stumm. Vergeblich unser trauerndes Lauschen.

Heini lebte ungesund, rauchte zuviel, trank zuviel, meinte ein Bremer Freund. Nein. Damals, früher schon eher, als er Gefahr lief, kreativ auszubrennen, sich dem Bebop zu opfern, wie viele unserer Idole drüben im Schmelztiegel des Jazz. Jetzt war er zu vital, arbeitete viel, starb Jahrzehnte zu früh, Jahrzehnte vor seinem zweiten Tod, dem unseren.

The Nearness Of You. Ed’s Posaune erklang über seiner hinab sinkenden Asche. Schwarz der spätsommerlich duftende Friedhof von trauernden Fans und Weggefährten, fast unerträglich danach in der Jazzkneipe seine Abwesenheit.

Ohne ihn wäre ich ein anderer, Wesentliches machte er mir zu Eigen. Mir Mythos geworden, mied ich ihn. Ehrfurcht lähmt, schnürt. Achtundneunzig noch sein Trio mit Harold und Thomas, er nickte Karin und mir lächelnd zu.

Woher hatte er dieses Gespür für die rudimentäre Pracht des Jazz? Woher dieser gezielte Griff in die kosmische Mitte, ins Mark einer Musik, die in Afrika gezeugt, in Amerika in Sklaverei und Missachtung geboren, weltweit im Zwielicht aufge-wachsen? Damals, weit abgehoben, wies er uns Engagement und Arroganz als Selbstschutz. Selbstschutz etwa auch, lediglich die Konzert-CD "My Foolish Art" aus 1994 bei dacapo Bremen zu hinterlassen? Wir spielen für den Augenblick. Frei von Profilneurosen, frei von der Last nicht getaner Dinge.

 I Remember You

Nun lodert sie, die Vergangenheit, die faszinierenden Jahre gemeinsamen Auf-bruchs, der unmittelbarsten Musik zu verfallen, die in Europa nach den Schreck-nissen des Krieges sacht den Kinderschuhen entstieg. Die uns alles gab, alles abverlangte, zutiefst beglückte, aufschäumte. Leben pur auf Gipfeln, abgrund-nah.

Sprache, Bild und Klang machen den Menschen. In der Antike die Lehre der Seele noch, bringt die Musik heute im Modern Jazz die emotionale Ballung auf den sinnlich absoluten Punkt: Gleichzeitigkeit von spontaner Komposition und Interpretation.

Bud Powell, Wunderkind, aufgestiegen zum Pianostar des Bebop, jener Unmusik, die Parker, Clarke, Gillespie und Monk 1940 in Whiskey Sessions erstmals hörbar machten, einundzwanzigjährig, 1945, von der Staatsgewalt niedergeknüppelt, Rassenhass war noch Amtssprache, schwere Schläge auf die Schädeldecke, ähnlich wie man mit Eisenstangen in Kambodscha unter Pol Pot die Bevölkerung dezimierte, blieb unheilbar krank, jahrzehntelang Therapien, Elektroschocks, die ausgetretenen Pfade der Psychiatrien gefüllt mit Jazzern, zerbrach an der Miss-achtung seines Genies, verließ manchmal mitten im Konzert wortlos die Bühne, starb als Wrack, 1966. Fünftausend gaben ihm in Harlem ihr letztes Geleit. Auch auf Miles, Art Blakey und weitere gingen die Knüppel nieder.

Finde hierzulande, der dieses Bebop Piano annähernd rüber bringt! Der aber war Heinz. Wieviel Mensch braucht der Bebop? Gib dich ihm hin, er trägt dich davon. Das Höchste bei der Clubgründung, unsere Maxime konnte nur Modern Jazz lauten. Am Rande des Kohlenpotts, siebenundfünfzig, als die Stereophonie anhob und unsere Jazzpubertät. Dieser hehren Ambition auch sonst zu genügen, bei dem getrübten bis gar keinen Durchblick, war das Problem. Unerfahren, unbe-fleckt prägte uns eine urwüchsige Versessenheit auf diese spezielle Musik, dis-tanzierte andere. Sie haben uns zu Recht abgelehnt, die Spießer rundum. Wir mit unserer Teufelsmusik aus dem Urwald. Dahin auch unsere Seele. Na, denn.

Als alles begann, war Heinz einundzwanzig, hoch gewachsen, schütter, sanfter Blick, warme große Hände, mittellos, an Sicherheit und so genannter Gesell-schaft ziemlich desinteressiert. Er realisierte, dass zum Wesen des Jazz das finanzielle Risiko gehört. Dafür brachte seine Fangemeinde ihm alles, tat alles, ihn zu definieren, zu formen. Manch Bütterken reichte er weiter. In Wechselbä-dern zwischen Triumph und Herabsetzung lavierte er sich durch. Stand oft im Rampenlicht, zog sich zurück. Voller Widersprüche, normal aber anstrengend. Charismatisch setzte er den Trend der Szene, verkörperte den Nerv der Zeit, bizarr und fähig. Urviech und Existenzialist, der eines stringent verfolgte, Modern Jazz, in dem die Leidenschaft nicht das Salz war, sondern die Suppe selbst. Heinz war Zentrum für Musiker, Fans, Maler, Literaten, verkrachte Individuen. Genies und Eigenweihrauch, Bier und Korn. Einmal weinte sich so eine arme Sau aus, der Verlag hatte die Manuskripte zurückgeschickt, die Beziehung zerbrach. Sie redeten die ganze Nacht, am nächsten Abend war er nicht mehr. Auch Heinz rettete sie nicht, die ganz Kaputten.

Bullen kreuzten ab und an vorm Club auf, grüne Minna, Zumachspruch. Ein ande-res Mal am Tresen, zivil, entschuldigten sie sich ob ihres Dienstverhaltens. Uns war ernst mit der Verbreitung des Jazz, ließen weder die Instrumente ruhen noch uns das Maul stopfen. Nicht aufsässig. Selbstbewusst, wir haderten nicht. Spärlichen Zweifeln gaben wir Raum und uns Zeit mit ihnen. Der Club war ohne-hin nur Mittel zu dem erhabenen Zweck, eigenem und fremdem Jazz zu frönen. Mehr war nicht. Dies aber konsequent.

Fielen die Tommies aus der Iserlohner Kaserne mit Posaunen und Tenors ein, war es kein Geflüster mehr, kam auch keines auf, das war nur noch das Letzte, big, ging an die Substanz. Da dauerten die Fourfours schon ein Weilchen. Oder Pianist Ingo aus Witten mit dem Baritonsaxophon, he, Junger Mann, Zehnminu-tenchorusse waren normal. Karneval in Jazz, hundert Leute füllten den mickrigen Schuppen, wir bliesen Freiluftimprovisationen auf der Bleicherstrasse. Ein Rekrut schmiss einmal die Eierhandgranate zu Silvester in den Bachgraben vor Tür, wir duckten ab, Hörstchen zählte, einundzwanzig, zweiundzwanbumm. Konfetti knöcheltief. Nein, die Zeiten kommen nicht wieder.

Just Friends

Ungewünscht und musikalisch geboren, verräuchert aber geliebt aufgewachsen, spielte ich ab fünfzehn zwecks Taschengeldaufbesserung Schlaggitarre. Jahre-lang trieb es mich zu den Kirmessen, dort traf ich wiederholt auf Dieter, den hatte es ähnlich gepackt, zu den Karussells mit aktueller amerikanischer Musik. Les Paul, How High The Moon, die neue Mehrspurtechnik. Earl Bostic, Flamingo. Die Bigbands vor allem. Glenn Miller, Billy May, Les Elgart, Harry James, Benny Goodman und Ray Anthony. Der Mr. Anthonys Boogie nimmt mir noch heute die Luft. Skyliner. Morgens um sieben stand ich bei Hoesch in der Lehrwerkstatt wieder brav auf der Matte meiner dürftigen Zukunftsperspektiven.

Jahre später traf ich Span in der Schlosserei, er schob ein Ingenieurspraktikum und schlug einen Jazzkonzertbesuch in Hagen vor. Die erste Hälfte gab’s Dixie-land. Nach der Pause spielte Jack van Poll Modern Jazz. Der Virus fürs Leben schlug gewaltig zu. Mordete Dixieland auf der Stelle, machte mir das Tenorsaxo-phon zum Dogma. Damals mit zwanzig, als mir die Ambivalenz der Euphorie noch fremd war. Span spielte Gitarre, mit der Blockflöte kam Koko, unser Arztsohn, und Dieter, unser Fabrikmalocher, wollte drummen. Über Raten gerieten die Instrumente und dann Fritz mit dem Kontrabass zu uns. Zu üben versuchte ich im Bad, im Wohnhauskeller, im Kleiderschrank, in irgendeinem gedämpften Loch, am Stausee, im Wald, stets unter Protest unfreiwillig Beteiligter. Dann Gruppen-proben sonntagmorgens in der Wesselbachschule, da stand ein Flügel.

Das Käseblatt mischte sich ein, junge Musiker suchen Raum für Jazzclub, ihre Musik klingt perfekt. Sechs Monate dieser Behelf, die Clique wuchs, dann Miet-vertrag, Umbau und Renovierung. Einweihung, Freitag, erster Juni. Am Vormittag rutschten Mutter und Schwester auf Knien, letzten Baudreck von den Planken zu kratzen. Den verwahrlosten fensterlosen Lagerschuppen, dessen schräges Teerpappdach mit Luke gegen eine Felsrückwand stieß, und das Nebenkabuff mit Kanalanschluss hatten wir in einen abschließbaren Club mit WC verwandelt. Ausgelegt mit abgelegten Teppichen, möbliert mit zwei gebrauchten Couchen, Sesseln, abgesägten Tischen, Kanonenofen, Spiegeln, gemauertem Bartresen mit Frischwasser, Garderobe, Eierkartons unter der Decke, überall Haushaltsker-zen, Rundummalereien, Jazzmotive, ein Piano. Voll war’s und wir am Ziel.

Sie wurde mit der Hand gemacht. Blasinstrumente, Klavier, Bass und Schlagzeug an der Front im Ansturm neugieriger Ohren und Augen, wurden geblasen, ge-zupft, gestrichen, gehämmert, gedröhnt. Bei einem bowed chorus auf dem Kon-trabass dagegen hielt man den Atem an, die Stille nicht zu verletzen. Der Jazz ließ den Raum vibrieren, brannte dem Kondensat des Teerbluts an der Felsrück-wand rhythmische Strukturen ein. Je nach Stimmung wurde die Reihenfolge der Stücke variiert, spontan Neues ausprobiert. Konzerte auf Amateurniveau. Be-bop-Ansätze. Da störte nicht, die Nummer wiederholt vorzutreten: a one, a two, a one two three four. Schmuddelig der Gesamteindruck, trotz unseres Bemühens um Reinlichkeit. Machtlos alle gegen Schwitzen und Nikotingestank.
 
Round Midnight

Zuvor fuhr uns Fluse etliche Monate im Käfer freitags und samstags zum Jazz-club Hagen, den Heinz mit Trummy und Helgo aufgemacht hatte in einer alten Lagerhalle, Kinkelstraße. Jack van Poll gastierte, Klaus Doldinger, Dr. Roland Kovac, das George-Maycock-Quintett. Wuppertaler Maler hatten die Wände befärbt. Gelegentlich ergänzt durch den Vibraphonisten, Arno Gawlick, spielte meistens das Trio von Heinz, dem Opa mit der Glatze am Klavier. Sein Bebop Style, der jazzigste überhaupt, war der Magnet schlechthin. Für die Hagener waren wir Anfänger, hatten keine Ahnung von Swing, Mainstream, Bebop. Aber unsere Wissbegierde fruchtete rasch. Silvester spielte ich den Blues draußen auf dem Bariton von Heinz ins neue Jahr. Doch wir wollten mehr.

Wollten unseren eigenen Club, musikalische Autonomie, und sei es mit dem Risiko orgiastischer Dümpeleien. Wollten die eigene Kerbe in die Zeit. Was, bitte sehr, trieb uns in diese kulturelle Isolation? Warum verkroch sich der Modern Jazz überall im Lande in Keller, Untergründe und bei uns überdies so blindlings mit ei-nem Haufen Verunsicherter? Niemand verstand unser Wagnis, unser unbewuss-tes Defizit. Spott die Ernte. Zu schmal der Grat des eigenen Schimmers, zu blass die Farbe unserer Hoffnung. Später erst begriff ich die Alternative von primärem und sekundärem Leben. Sah, wie Neandertalern gleich der Jazz zögernd diesen Höhlen entwich, in der Kulturlandschaft verruchte Nischen zu besetzen, unter- miniert und herausfordernd. Zu gering damals unser Abstand zur Naivität. Hätten wir eins plus eins addiert, es gäbe den Club nicht.

Zu allen Zeiten verhöhnt und völlig unverstanden, verbannt ins versyphte Däm-merlicht, jene Musik mit dem höchsten Anspruch an die Fähigkeiten eines Musi-kers überhaupt. Kaum des Nachträllerns fähig, ereifert sich das taub geblendete Establishment in Ignoranz und Entmündigung. Modern Jazz bleibt vergeudet an Unbegabte und die ach so normalen Leute ohne Fantasie.

Jazz zu machen, zu begreifen, benötigt nun mal angeborene Musikalität, inten-sives Zuhören. Aufregend und inspirierend, der gekonnten Improvisation eines Musikers derart dicht zu folgen, als käme sie von einem selbst. Physisch fast rast man durch die Klangräume und Rhythmen. Es braucht seine Zeit, bis man Bebop Phrases, die Blue Notes versteht, die den Jazz so deutlich charakterisie-ren. Die Reibungen zwischen Dur und Moll, zwischen Genius und Dirtyness, die leicht vulgäre Spielweise, wie die von Eddie Lockjaw Davis oder Roy Eldridge, dem Idol von Dizzy. Mit dem eingespielten Drummer und Bassisten reißt du die paar fähigen Zuhörer, die Fans, mit in den imaginären Abgrund der Faszination, der sich sogar die unverzichtbaren Mitläufer, die per Anhalter zuhören, kaum entziehen können.

Wer sich einlässt, wird für sein Leben belohnt. Man bekommt ein Gefühl für Twobeat auf zwei und vier. Merkt, ob es swingt oder sich dahinschleppt, ob ein Solo missglückte oder gekonnt war, ob ein Saxophonsound schwarze oder weiße Hautfarbe hat. Was anderen Gedudel, ist dem Jazzer Feeling, Harmonie, Beherr-schung des Instruments, cool oder inbrünstig. Cis oder Des auf dem Bass ist im Jazz oft ein wesentlicher Unterschied, den man mehr fühlt als hört. Zwischen-applaus für gelungene Soli gehört zur Gesamtnummer. Wir zählten nicht zu den Dixie-Strippern, die happy jazz weitergeben, wollten ernst, verbissen Musikkunst kreieren, ohne den Spaß dabei aufzugeben. Drüben machten Dizzy, Getz, Stitt und Roach Bebop-Aufnahmen in allerhöchstem Tempo unter dem Arbeitstitel, For Musicians Only. Sie verschwiegen ihre Adressaten nicht.

Vor allem wühlte uns die Harmonik, die Changes, im Innersten auf. Eine gute Ballade hielt die Zeit an, gab sie wieder frei, extrem spannend und ergreifend. Und wir haben gespielt, haben zugehört, mit geschlossenen nassen Augen, gierig, willfährig, zitternd und verloren. Da hörte man in diesem berstenden Club, diesem mit Holz und Brikett beheizten Bethlehemstall von 46 qm die Stecknadel fallen, alles ging unter die Haut. Mit dem Applaus war man zurück aus der Komakonsistenz. Dumpf der vernebelte Raum. Der Jazz war uns Gefängnis und Freiheit, Hörigkeit, Dogma des Glücks. Er war Bestätigung und ein Zuhause, Verarbeitung von Konflikt und Schmerz. Besonders die vielen Blues, die Zwölf-taktmanie, in B, C, F oder Es. Ein Bluesakkord in C-Dur zum Ausprobieren: links ein tiefes C, rechts ein mittleres E, B und Es, der erhöhte Durnonakkord, C 9#.

Now’s The Time

Kultur, der geistigen Auseinandersetzung mit der Gegenwart, zunehmend Tum-melplatz für Profil-Tentakeln, galten stets meine Zweifel, obgleich ich Kunstve-reine initiierte, einem großen Kulturring und einem Künstlerverband vorstand. Aber dort im verräucherten Milbenplüsch kauerten sie, siebzehn bis fünfund-zwanzig Jahre alt, die nullfünfer Bierflasche geklammert, gaben sich sehr lange der Musik pur hin, dem Stoff, aus dem unsere Träume waren. Freitags und samstags von sieben bis elf. Böse Blicke und Zischlaute trafen Immerschwät-zern, Raddeln war schlicht verpönt. Triefend die Helden auf den Instrumenten. Unser Fongitrio benannte sich nach einer kurzlebigen subversiven Jazz-Gazette.

Nicht immerzu gab’s die Highlights, das hält keiner aus. Stattdessen muntere swing sessions, weniger tief schürfend, mehr Ungelebtes. Spielten nach elf Schach oder den Tischfußballmeister aus. Drrt, drrt, klack. Dann waren LP’s dran bis zur Morgendämmerung. Trotz unserer Alterskontrollen bangten Eltern um ihre überfälligen Töchter, zerrten zeternd die sich Sträubenden aus dem Szenarium. Jazzbandballs, Schulkonzerte, Kasernenfeten, Clubgastspiele machten unsere Passion öffentlich und die Zeitungen uns prominent.

Für eine Sache, einen virtuellen Gegenstand lebten wir, für eine Metaphysik menschlicher Natur. Befriedigten elementare musikalische Grundbedürfnisse, indem wir Ansprüche stellten an Rhythmen und Fugen dem Quintenzirkel entlang. Da bekam ein Basston mit Vibrato als Kontrapunkt ein unvergessliches Wesens-merkmal. Oder ein präzises Triolen Drum Fill In, das dem Drive einen weiteren Schub gab. Meist ließ sich diese Musik nicht planen, sie ereignete sich, mitunter einer Feuerwalze gleich. Mit steigernden Soli schlugen sich dann die Musiker gegenseitig die Nägel ein. In solchen Momenten waren wir Seelenzeugen von Nietzsches Aphorismus. Wir jedenfalls, das war sicher, irrten diesmal nicht.

An der Basis ureigenster Existenz, unseres eigentlichen Menschseins, war uns egal, Einpromill-Randgruppe zu sein. Verschworene Jünger einer Jazzersekte, in der sich jeder auf dem Klavier, Kontrabass und Schlagzeug versuchen durfte. Nach einem Jahr hatten wir vier Bassisten, drei Drummer, zwei Pianisten und et-liche Bläser. Eine Talentschmiede von Neujazzern. Wir Musikphilosophen wollten mit Jazz die Menschheit zum Guten wenden. Auf jenen Geistesblitz, dass diese ihre Taubheit und Unbegabung glaubhaft eingesteht, ihre  Systemstarre, warten wir noch immer.

Im Banne des Modern Jazz wurde uns sein dirty charme zur Weltanschauung. Omen für viel Unbesonnenes im Schatten der Vernunft. Besessene Melancholi-ker, verträumt und sattsam hungrig auf musikalische Abenteuer. Hochmütig lies-sen wir einfach das Leben machen. Selbstherrlichkeit gepaart mit Selbstironie hielten unseren Eigenbetrug in Grenzen. Was hatten wir zu fürchten in einer bi-gotten Welt endlosen Massenkonsums? Außerdem war unsere Illusion vom Indi-vidualismus ausreichend geschändet, ihm als höheren Lebenssinn zu huldigen.

Mir erzählte ein gealterter Anthroposoph nach einem Gastspiel in der Siegener Burg, beim Jazz habe er seine besten Predigten ersonnen. Was der Bildenden Kunst das Informel, ist der Musik der Bebop. Maler, Zeichner, Lyriker, Fotogra-fen, arm und reich, alle swingten im Herzbauchkrieg Takt für Takt mit, hatten mit der Zeit ausgeprägte Wadenmuskeln. Manchmal wurde wie in Trance ge-tanzt, die Leiber konnten nicht anders, man bekam die Augen nicht auf, stolper-te wie mit glühenden Sohlen auf Packeis. Der Jazz fraß uns stampfend auf, schlürfte uns hinunter. Modedrogen ersetzte uns allein diese kolossale Musik. Einige kamen von der Klassik, die ihnen bald nur noch wenig sagte. Diese span-nende Szene war allemal Kultur in Reinkultur. Wer dies miterlebte, mitzelebrierte, miterlitt, zehrte Jahrzehnte davon, hatte schier ein Alibi für so manchen unaus-bleiblichen Scheiß, später außerhalb der Besessenheit.

Mit dem Getränkegewinn und Eintritt von zwei Mark, Mitglieder die Hälfte, be-zahlten wir Fahrtkosten der Gastmusiker, das Klavier wurde regelmäßig ge-stimmt. Ein verstimmtes Klavier ist tödlich im wahrsten Sinne, diese Blöße gaben wir uns nicht. Als Heinz später ganz zuzog, stellte er seinen Einsachtzigflügel, erarbeitet bei einem Klavierbauer, in dieses muffigstaubige Milieu. Das war ent-schieden professioneller, richtig edel.

Normalbürger vermuteten Verbotenes. Halbstarke schlichen rein, besoffen, auf Krawall gebürstet, wollten ihren Nullachtfuffzehnfrust verteilen. Sie prallten ab an unserer Musik, zogen unverrichteterdinge von dannen. Damals mitten im Wie-deraufbau um 1960. Unser Kleinstadtclub zählte rund fünfzig Mitglieder, ein Dut-zend davon spielten. Als Bandleader war ich Vorsitzender, ebenso wie Heinz im Hagener Club. Nur dieser wurde dicht gemacht, die Kinkelstraße hatte sich er-folgreich gewehrt. Die Jazzfreaks und einige Verrückte kamen im Schlepptau von Heinz ab da in unseren Minischuppen. Das Chaos stieg sprunghaft, aber auch das Musikniveau. Wenn auch ein Einschnitt, es traf mich nicht so sehr, dass Heinz mir in unserem Club die Vorreiterrolle mehr und mehr streitig machte, mir die Schau stahl. Weder als Pianist noch als Saxophonist reichte ich an ihn heran. Fühlte mich eigentlich befreit, war ohnehin nur noch an Wochenenden zugegen.

Night And Day

Zuhauselos campierte Heinz vier Wochen im Club, kam dann im Souterrain unter bei den Eltern von Hennes, einem unserer Drummer. Ein Abstellraum mit Mücken, Asseln, Kaltwasserleitung, ruhig gelegen, saubere Luft, besser als nichts. Für über drei Jahre. Hin und wieder lungerten wir an seinem Bett, wenn er den Allerwertesten nicht hoch kriegte. Noch heute sehe ich ihn bei stundenlangen Fingerübungen am Flügel im Club. Wir steckten damals im goldenen Elend des Autodidaktentums, Jazz studieren ging erst Jahre später. Das Wesentliche war nach wie vor, dass Feeling rüber kam. Unbeabsichtigtes Verspielen konnte den Vortrag durchaus steigern. 

Den Jazzer reguliert das Real Book, die Weltstandards und Harmonieblätter, da-mit er weiß, wo’s langgeht. Notenkenntnisse braucht man, wenn man Notist sein muss. Sax und Flöte lernte ich privat, Klavier lehrte mich das Leben. Zum Imp-rovisieren nach Akkordsymbolen gab’s den Club und daheim im Dachapparte-ment bei Düsseldorf endlich eine schallgedämmte Asbestzelle ohne Frischluft.

Als ganzheitliche Läuterung, Rebirthing, stellte sich nach durchjamter Sommer-nacht im Morgengrauen laszives Nacktbaden in Freibädern heraus. Sonntags gab’s Waldwanderung oder am Souterrain in der Sonne Kaffeeklatsch über Live- und Studioproduktionen, Jazzbücher. Über Jazz und die Welt. Bird war nicht mehr, aber Dizzy und Miles. Die neue Basie LP, e = mc quadrat. Neal Hefti, ein Arrangeuridol. Die Herman Herd, Four Brothers. Stan Kenton, Intermission Riff. Große Musikernamen schwebten wie Gottheiten über uns. Duke, Trane, Rollins, Lockjaw, Griffin, die Adderleys, Dolphi, Blakey, Roach, Quincy, Morgan, Silver, Garland, Peterson, Ella und Sarah. Das Modern Jazz Quartet, zig weitere aus unserer Fanbibel. Bill Evans, der weiße Pianogigant, Wahnsinn! Wir scatteten alle berühmten Soli mit.

Ansonsten wurde viel gealbert, jiddisch gelabert: koscher, meschugge, Mowes, Tacheles, Zores und Brawes, Mischpoke und Chuzpe. Heinz, iskabulja fliskabulja, siehe da, ich kann noch sabbeln. Gequalmt wurde ohne Unterlass, Gauloise und Rothändle ohne Filter, die Züchosen. Schöne Bierchen und kein Ende, den Nieren ging’s gut. Witze wechselten den Erzähler. Kam ich aus Düsseldorf sehnsüchtig freitagabends im Club an, rief Heinz schon mal, Herbie sei kein Frosch, und kicherte Nati oder einem anderen jungen Ding in die Offenherzigkeit. Ziemlich beknackt, aber alles lachte sich krumm. Ickenfee ist imapree. Man gewöhnte sich daran, es war harmlos blöd, was soll’s. Den Erlebnishunger zu stillen an hochwertiger Musik, die an Lebendigkeit nicht zu toppen war, privilegierte uns.

Zum Erwachsenwerden brauchten auch wir Neid und Profilsucht. Ebenso Intri-gen, die Verantwortlichen schonte man zu Recht am wenigsten. Da warst du schnell das Arschloch, der Pissmann. Auf die Mädchen schimpfte Heinz mächtig, wenn er abermals Monatsbinden armtief aus dem verstopften Kanalrohr entfern-te. Überhaupt war das WC, der Bello, trotz starker Duft- und Reinigungsmittel arg verstunken, wir Jungen Männer kannten Pinkeln im Sitzen noch nicht.

Natürlich gab es auch das alles zerliebende Beziehungschaos. Liebesverbindun-gen, die am Kochen gehalten wurden oder zur Trennung anstanden. Jazz segelt auf Tränen, und Trost bei Freunden wurde irgendwann mal jedem von uns zuteil.

Meiner Geburtsstadt Hohenlimburg habe ich nie verziehen, dass sie unseren Club ignorierte. Mit etwas Weitblick und Gespür für Kultur wäre für sie mehr drin ge-wesen, vielleicht wiederkehrende Jazz meetings oder Symposien, bei dem großen regionalen Zulauf von einigen Tausend Menschen, die auftauchten und -tauten. Ehepartner fanden sich, ich denke an Heidi und Klaus Weiss, dem Hagener Drum-mer, der in München eine Jazzschule aufmachte, in Paris mit Bud Powell, später bei Passport und in seiner Bigband spielte. Inge und Span, etliche Paare mehr. Er brummte voller Leben. Aus Iserlohn half Gitarrist Gustl bei Konzerten aus, aus Dortmund kam Glenn, der später als Chef der NRW-Jugend-Bigband, einer geball-ten Talentansammlung, die Welt bereiste. Beide sind nicht mehr.

Nur wenig riss mich in meinem wechselvollen Leben derart mit, wie unser kleiner Club. Gespickt mit brodelndem Jazz meine postpubertären Jahre, von einer hefti-gen aber happyendlosen Verlobung mit Monika einmal abgesehen. "Was man liebt, soll man nicht halten." (Napoleon)

All The Things You Are

Als Konstrukteur tätig, verbrachte ich in Düsseldorf wochentags manche Alt-stadtnacht in der Oase, in der nach dem Gastspiel vom Michael-Naura-Quintett das George-Maycock-Quintett, gute Freunde von Heinz, die Hausband war. Europas bester Jazz, der Hard Bob dieser farbigen Alleskönner, die auch einmal in unserem kleinen Club auftraten. Meist hockten da läppische sieben Zuhörer, aber welch eine Musikqualität. Zum Glück kein Mangel an Musikerrunden. Auf mein briefliches Ratsuchen ob des beschissenen Daseins dieser Gruppe wies J. E. Behrendt vehement vermeintliche Vorwürfe zurück, stellte sich als einzigartiger Förderer ins Licht und reagierte ansonsten mit Vakuum. Erfolg und Ruhm hatten sich ihn längst einverleibt.

Wenn ich an die Tenorsoli von Wilton Gaynair denke: Donna Lee, die Dissertation in der Bebopfakultät, Misty, Stella By Starlight, Standards noch und noch, oder, Wenn der weiße Flieder wieder blüht. Leben, wie kannst du prall sein. Auch da-ran, wie Big Fletchid, der ab und zu sang, damals fünfundfünfzigjährig, in den Pausen bei lautem Jazz von der Platte, vor seiner Snare saß und eigene Kompo-sitionen arrangierte, Texte schrieb. Gelegentlich spielten sie einen Blues von mir.

Einmal lieferte sich mit Wilton, dem besten Saxophonisten überhaupt, Klaus Dol-dinger eine Solischlacht, ein Duettduell. Ich hörte ihn nie wieder so fähig. Man kündigte ihn an, und die Oase war gut gefüllt, schon seltsam. Einige Jazzgrößen brachten ihre Hörner mit, wenn sie auf Tournee vorbeikamen. Jonny Griffin, un-ser aller Albert, Wolfgang Schlüter mit Vibraphon, Karl Drewo, Benny Baley, Derek Humble, Don Menza. Auch Luigi Pellicioni, ein junger Karnevalssänger und Altsaxophonist mit Adderley-Format, der um die Ecke wohnte.

Als erster starb George in den Siebzigern, dann Fletchid, dann Boogie, der Trom-peter, und in den Neunzigern Wilton, der bei Kurt Edelhagen, dann beim WDR und später bei Peter Herbolzheimer unter Vertrag kam. Mit letzterem als Basspo-saunisten spielte ich zu meiner kurzen Zeit in Nürnberg einpaar Mal im Soul.

Unser Club existierte bis vierundsechzig, er ging ein mit unzählig anderen welt-weit. Beat und Rock übernahmen das Ruder, die lauten Discos, harte Drogen. Ob zur Uni, in den Familienbetrieb, in die Ehe oder sonst wohin, wir liefen uns aus den Augen, wieder neu zu lernen, dass jenseits der Haut die Fremde beginnt. Neuen Schicksalsboten ausgeliefert, machten wir uns auf in die Souveränität, wie trügerisch auch immer sie sich erweist.

Bis zum Schluss führte Heinz den Club. Er wich nach Bremen, wo er Wuppertaler Maler wähnte, neue Anhänger um sich scharte und sich mit einer Metallwerk-statt selbständig machte. Nicht gerade das Wahre für die Finger eines Pianisten. Nach den Clubveteranen, Reinhold, der später zum Kiffen nach Marokko heirate-te, und Kurt, genannt Buschmann, heute heißt er in Köln Oskar, er bastelte unermüdlich an der Polyester-Karosserie seines Sportflitzers, stieß auch ich Ende sechsundsechzig zu dieser kleinen Firma.

Body And Soul

Meinen gesicherten Beruf gab ich in Düsseldorf auf, in Nürnberg am Konservato-rium als Flötist ernsthaft für die Orchesterreife zu pauken. Eine gelungene Null-nummer, der ich nachtrauerte mitnichten. Es klappte umso besser mit meinem Quartett in den oberfränkischen Kellern oder auf Konzerten. Bei einem club special stieg Albert Mangelsdorf für einen Abend bei uns ein. Doch eine brauch-bare Lebensperspektive war dies nicht. Mir gingen erste Zweifel am Dasein des Berufsmusikers auf. Setzte ich etwa die Liebe zum Jazz aufs Spiel?

Am Scheideweg traf ich zielsicher weitere Fehlentscheidungen, trennte mich von meinem noch von Wilton erstandenen Tenor, meiner Querflöte, von allerlei Ver-gangenheit und begab mich in die nächste Selbstfindung, auf einen unfrommen Jesustripp, zu Fuß von Nürnberg in die Westsahara, neue Grenzen auszuloten. Schließlich gab es ja nur mich allein, genau genommen. Doch Unwetter zwangen mich, größtenteils die Bahn zu nehmen. Am sonnigen Mittelmeerstrand vor Ali-cante kehrte ich um. Je weiter ich floh, desto mehr holte es mich ein. Vier Mo-nate Askese dann im Bayerischen Wald. Ab- und ausgebrannt, nicht ohne Le-bensmut, konnte mir letztlich nur noch Heinz helfen, er war Mekka für Suchende.

Als Schlosser und Schweißer war ich willkommen in Bremen. Der Betrieb lief gut, ich lernte, Stahlmöbel herstellen, Auto fahren. In der nahen Kulturszene der Lila Eule ging ein linksorientiertes Programm ab, das in den Achtundsechzigern den Siedepunkt erreichte. Man blockierte bei einer rigorosen Fahrpreiserhöhung Straßenbahnschienen, damit die Bullen Gelegenheit bekamen, begleitet vom Mör-der-Mörder-Geschrei Tausender, auf die Köpfe von Abiturienten einzuprügeln. Oh, Haupt voll Blut und Wunden, das hatten wir doch eingangs schon. Hört denn das niemals auf? Oberguru Rudi Dutschke schaute rein.

Dennoch blieben in der Firma von Heinz in der Buchtstraße, gegenüber dem Bremer Cityknast, Reibereien nicht aus. Zumal ich mich entschied, meine liebste Freundin zu ehelichen. Mit Drogen und Alkohol war der Jazz seit eh und je sym-biotisch, trotzdem gab es Differenzen wegen des Haschisch- und LSD-Konsums einiger Typen und Frauen im Bremer Umfeld. Komisch, außer Jazz gab es keinerlei Drogen für mich, rauchte nicht einmal, und das bei meinen Aktivitäten in den Clubs, aus denen man den komprimierten Lungenkrebs in Scheiben hinaus trug. Nach zwei Jahren begann ich als Hiwi am Bau, wurde Barkeeper und Kalfaktor in der Lila Eule und somit Zeuge für einen dicken Band.

Streunenden Fans und Jazzern bot Heinz in seinem Appartement über der Eule Nachtasyl. Der Subwoofer durchdrang den Beton, die Nächte, die Innereien. Schlafen war nicht, man setzte sich in den Krach runter an die Bar und stieß auf Kultur- und Politcracks: Peter Zadek, Hans Koschnik, Olaf Dinné, Manfred Miller, Rolf Becker, Klaus Wedemeyer, Vadim Glowna, Judy Winter, Klaus Grobecker, Hans Kresnik, Bruno Ganz, Rudi Carrell, einige zu nennen. Live music teilten sich Jazz und Rock. Heinz-Wendel-Trio mit Gästen, Gruppierungen um Ed Kröger, Siggi Busch, Uli Beckerhoff, Rolf Feller, Harald Eckstein und viele Gastgruppen, Peter Schulzes Bigband und die Happytimes. Stundenlanges Tanzen, skurriles Gezappel, wechselte mit APO-Diskussionen, Kultkino mit Kabarett: Insterburg & Co, Walkes, Degenhardt, Süverkrüp, Enzensberger. Radio- und TV-Mitschnitte. Dies alles setzte meinem Jazzerleben noch eines drauf.

Für die notwendigen Jazzlokalitäten in Bremen sorgte Heinz mit Vorliebe. Zu-nächst war es die Jazzkneipe Metronom, da war ich noch in Franken. In der Buchtstraße dann führte eine schwere Bodenluke in einen Niedrigkeller für Unter-tagejazz mit Klavier, Bass, Schlagzeug, Tisch und Stühlen, Elektrischlicht. Ein paar Zuhörer, vor allem Carlos mit den dreiundzwanzig Berufen, der immer neben dem Piano saß, Heinz vergötterte und nervte über viele Jahre. Manchmal kroch Heinrich Hock in den Untergrund, nächtens zwölf Stunden zu drummen, interna-tional war er wiederzuhören.

Alsbald schuf Heinz den Jazzclub Ostertor, an der MIB-Gründung war ich noch beteiligt. Danach das Pub auf den Höfen, dann noch das Art’s in Walle. Er orga-nisierte ein Festival, Konzerte und Gastspiele von Jazzgrößen, mit denen ihn Freundschaften verbanden, viele verehrten ihn, Hans-Joachim Kühn nahezu ab-göttisch. Seine Bremer Zeit entzieht sich dennoch weitgehend meiner Kenntnis, seine zahlreichen Bauprojekte, z.B. bei Hennes und Lutz in Südfrankreich. Hier könnte sich ein anderer Protagonist verdient machen. Zuletzt spielte er zweimal monatlich bei Gerken. Zufällig trafen wir uns auf dem berühmten "bremen con-cert", das Keith Jarrett, der Visionär mit weiten Horizonten, im Sendesaal live einspielte. Auf meinen Versuch, irgendwann in den Achtzigern, Heinz auf die sich verändernde Harmonik, die neuen Latineinflüsse, anzusprechen, reagierte er merkwürdig brüskiert. Ihm genügte seine Musik im Stile Bill Evans’.

Ein Gedankensprung zum Schluss: Was verbindet den König Bhumibol von Thai-land mit Bremen? Lothar hatte den KCM ins Leben gerufen, einen Fußballkegel-club. Heinz schien abonniert auf den Kegelkönig, ich war Sprecher, Linksaußen und der Bozzek. Diese Altherrenclique gelüstete es nach einer Bangkokreise. Der König hatte als Saxophonist neben Massagesalons und Amüsierläden auch Jazz-lokale erlaubt. Heinz stieg eines Abends grandios am Klavier ein mit Gershwin- Songs. Die entzückten Thaimädels zurrten zur Verwunderung aller wie wild an seinen Klamotten. Ob es dem König je zugetragen wurde?

Long Ago And Far Away

Überlebensstrategien, eine sechsköpfige Familie zu ernähren, nahmen mich end-gültig aus der Bremer Szene. Wir zogen aufs nahe Land. Freischaffende Edel-stahlbildhauerei, Malerei sowie kulturelle Verwirklichungen sicherten unsere Exis-tenz, in der vier Kinder zur liebevollen Aufzucht anstanden. So verlegte ich mei-ne Inbrunst für achtzehn Jahre in die neue Aufgabe. Alle hatten Klavierunter-richt, wir später eine Familienband mit Synthesizern, Querflöte und Drums. Unser zweihundertfünfzigjähriges Reetdachhaus, Kindheit unserer Kinder, übereignete ein gesuchter Serienbrandstifter sechsundachtzig dem unendlichen Raum. Total-verluste. Die einst intakte Familie löste sich auf. Mir blieb lediglich, mich an der überraschenden Schönheit des verlorenen Sinns zu erbauen.

Zwecks Neuorientierung lebte ich neun ambivalente Jahre im Künstlerdorf Worpswede. Nach zweiunddreißig norddeutschen Jahren verpflanzte ich mich, mit Boxenstop in Luxemburg, unter die Bauern und Winzer an der Obermosel. Achtundneunzig begann ich mit einundsechzig hier Karin und mir ein Haus zu errichten. Nichts ist unwiederbringbarer dahin, als das gerade Erreichte, und jeder wird behandelt, wie er es verdient. Und nun? Grundlos redet es mich erneut. Bin ich nun am Ende meiner irritierten Umtriebe? 
 
Zeitläufte. Wo immer auch gefordert, nie war ich ohne mein Klopfbarometer für Freiheit, den Jazz, der, wie auch seine wichtigsten Repräsentanten, in die Jahre kam. Heinz in grösseren Abständen zu hören, offenbarte mir das Unvermeidliche, Routine verdrängt allmählich den Esprit. Der Weltjazz ging weiter. Clarke-Boland-Bigband, You Stepped Out Of My Dreams. Singers Unlimited, The Fool On The Hill. Eberhard Weber, Colours Of Cloe. Jan Akkerman, Streetwalkers. Jahrhun-dertevents. Jazzrock, Free und Fusion. Musikdigitalisierung auch im Jazz. Neu, das rasende Double Bass Drum Pedal, der Fretless Bass. Oh, Jaco.

Die Cracks werden zahlreicher und besser, wachsen mit Jazz auf, studieren ihn, spielen Parker und Evans perfekter als Parker und Evans. Klappen-, Saiten- und Tastenartisten an biologischen Grenzen des Jazzregisters, die auf ihre Vorgänger zwar vielfältig antworten, aber kaum noch Fragen aufwerfen. Die Größe des Jazz liegt jenseits der Technik, im Ausdruckspotenzial, im Einfluss auf andere. Im immanenten Widerspruch. Zudem vermisse ich Dirtyness. Man ist wohl nicht abgehangen genug, nicht genug kaputt, ohne suggerieren zu wollen, dass auch sie sterben wie Parker und Evans - an der Überdosis.

Wahrscheinlich ist Jazz eine Art von Alltag, den einige seiner besten Musiker nur betäubt ertragen.

Wird der ewig junge Jazz diesen suizidalen Background je verlieren? Bleibt der Jazzer ein Einzelwesen, oder ist das globale Jazzblut unbegrenzt? Wohin treibt der Jazz in dieser resignativen Welt, die nie lernte, aufrichtig zuzuhören? In der Musikgenuss einigen Orts noch immer mit dem Tod geahndet wird, in der sich zwangsläufig Zynismus inflationiert, und die ihre Geheimnisse nicht preisgibt, solange wir welche vermuten. 

Heinz nicht mehr live zu erleben, macht mich seltsam bedrückt. Trotz unserer Distanz fehlt er mir. Ein genialer Mensch, der sich in einer normierten Zeit den Grundmustern verweigerte und den Pfad des Lasters vorzog, den Dunstkreis einer selbst bezogenen Subkultur. Er unterwarf sich der absoluten Musiksuper-lative, bewahrte den gesunden Abstand, sich nicht mit ihr abhängig zu verdin-gen. Gering sein Defizit an ungelebten Träumen. Er lernte, sich in der Gesell-schaft zu inszenieren, ohne je eine gewisse Generosität aufzugeben, auch gegenüber dem Schicksal. Manifestiert in einem umfangreichen Lebenswerk bar auftürmender Belege, bleibt ihm die kleine Unsterblichkeit unangetastet. Einen leiblichen Nachkommen hätte ich ihm schon gewünscht. Ihm zu Ehren sei aus-drücklich angemerkt, dass er, falls er je Feinde hatte, diese auch dringend brauchte. Er hatte es zu etwas gebracht, weil er Zeit besaß. Kompliment.

Ohne Hoffnung auf Rehabilitation, frei vom Anspruch auf totale Authentizität, trieb es mich nach seiner Schreckenskunde zu diesem lückenhaften Rückblick voller Altlasten, mit jener vagen Schlusserkenntnis, dass man, eigentlich immer, selbst der Preis ist.
 
What’s New

Kindheitserinnerungen halber machten Karin und ich uns auf zu den Städten und Stätten unserer Herkunft. Span erkannte mich nicht, als wir in der Altstadtknei-pe wie zufällig nach dreiunddreißig Jahren am Tresen nebeneinander saßen. Seine Wiedersehensfreude war ehrlich, er hat Frau, Sohn, Eigentumswohnung und eine Segelyacht, die an der Costa Brava dümpelt. Neben seinem Beruf als Ingenieur war er fünfzehn Jahre E-Bassist in Sachen Tanzmusik. Ihm war unsere alte Jazzzeit in bester Erinnerung. Hörstchen, immer noch im elterlichen Maler-betrieb, gesellte sich dazu. Als Ivan, inzwischen Erfinder innovativer Silikon-Industriefedern, signalisierte, das Unterfangen zu organisieren, fiel die Entschei-dung für ein Jazz Club Revival im November 96, hier in dieser Kneipe, nach fast vierzig Jahren seit der Clubgründung. Für die Musiker war Session angesagt.

Außer Marion. Heinz, Helgo und Otto kamen fast alle. Fünfundsiebzig gealterte Freaks aus damaliger Jazzszene, darunter auch Dorit, Anita, Monika, Nati, Inge und Heidi, verbrachten einen höchst interessanten Abend in Rückschau. Fritz, ein früherer Fan, kam aus Stockholm, Buschmann und Heinrich vom Niederrhein. Koko, Professor in Hannover, brachte seinen Kontrabass mit für Lutz, Chefarzt in Bremen, der dankend abwinkte. Fluse, damals Jauchegrubenentleerer im elterli-chen Betrieb, hatte vor dreißig Jahren auf Lehrer umgesattelt. Fred, ehemals Streifenpolizist, war längst in Pension. Mit Ingmar, ebenfalls Professor, der das Flügelhorn auspackte, spielte ich im Quintett auf meinem schwarzen Selmer, das ich nach dreißigjähriger Unterbrechung ein Jahr zuvor neu erwarb. Man beschei-nigte mir reiferes Spiel und einen farbigen Sound. Vielen Dank.

Wir schwelgten in Erinnerungen. Einige erkannten mich nicht sofort, so auch Dieter, unser Malocher und verlässlicher Drummer. Unter Tränen gestand er seinen Lebensmist, vor allem mit den nicht wenigen Abschnittsgefährtinnen. Die Jazz Roots aber hielten ihn aufrecht. Damals legte er mit Heinz am Klavier eine fulminante Jazznummer hin, die sein Selbstbewusstsein für immer stärkte. Effektiver geht’s nicht. Sehr viel war von Heinz die Rede, verwundert wurde nach ihm gefragt. Alle Protagonisten wollten die Jungendjahre im Jazz nicht missen. Am 1. Juni 2007 kämen wir als Goldjubilare zusammen.

The Shadow Of Your Smile

 1956: Das neueste Auto des Pianisten, Dr. Roland Kovac, vor dem Jazzclub Hagen - mit Eigenwerbung und Freundin. Die Waschmittel-Werbung im Hintergrund war gerade hochaktuell. Viele Abrisslücken warteten auf die Wiederbebauung.

1956: Im Jazz-Club Hagen trafen sich die Stars der Scene. Hier Jack van Poll mit dem Georg Maycock-Quartett.          Foto: Renate Klode

1956: Heinz Wendel, der schüttere Opa, am Schlagzeug und Gerd Haarmann am Kontrabass, zwei Musiker, die die Hagener Scene prägten. Hemd und Krawatte waren angesagte Kleiderordnung.    Foto: Alfred Scherer

1957: Auch auf großen Bariton-Saxophon hatte Heinz Wendel viel zu bieten, er riss sie im Jazzclub Hagen alle mit, wenn auch das Outfit sehr steif und gesittet anmutete.   Foto: Alfred Scherer

Hagener Session 1956:  Klaus Demsky vom Hot-Club Iserlohn, Trompete,  Jack van Poll, Altsaxophon,   Gerd Haarman, Piano, und Heinz Wendel am Bass. Manchmal war es Gänsehaut pur.  Foto: Alfred Scherer

                     Gastspiel mit Heinz Wendel am Piano in einem Army Club in Iserlohn 1959

Bremen 1995:    Heinz Wendel freut sich auf das anstehende Konzert. Foto: NN

                       Jam Session mit den "Tommis" aus der Kaserne: Chorusse und Fourfours ohne Ende. Ein Bild aus dem Jazz-Club Hohenlimburg 1958.

                      "Fasching in Jazz" - ein Haufen junger Menschen, die sich dem Jazz verschrieben hatten und keinen Anlass zum Feiern ausließen. Ein Foto aus dem "Club". 1959

                       Heinz Wendel überragte alle, und das nicht nur bei einem Spaziergang.  Foto: Renate Klode 1960

Das George Maycock- Quintett in der "Oase" in Düsseldorf 1963   von links:          Big Fletschid -Schlagzeug    Georg Gillespie - Kontrabass     Boogie Sergeant - Trompete        George Maycock - Piano               Wilton Gaynair -Tenor-Saxophon

                        Big Fletchid, der Drummer, Komponist und Sänger mit Boogie Sergeant, dem Trompeter und heimlichen Mitpächter der "Oase" in Düsseldorf 1963

                       Konzentration auf die Musik        aufgenommen bei einem Jazz-Konzert 1964 in Nürnberg           Foto:               Wilfried Weihreter

                          Jazz und nochmal Jazz- es lässt einen nicht los! Session-Foto mit Ingmar Heller sen. mit dem Flügelhorn in der Altstadtkneipe in Hohenlimburg zum Jazz-Club-Revival im November 1995                    Foto:                      Inge Görlitz  

                        Silvester 2005               Party in der Sektscheune zu Nittel                 Foto: Johannes Burbach

Konzert zum Hochzeitsdinner im August 2006 auf der kroatischen Insel "Hvar"    Foto:   Karin Thimme

                    Musikalische Einlage zum Geburtstag einer Freundin im September 2006. Mit der Profi-Rhythmusgruppe auf der CD oder MD hat man jerderzeit ein mehrstündiges Jazz-Club-Programm zur Hand.        Foto: Karin Thimme

Anlässlich meines 70. Geburtstags erinnerte sich die "Westfälische Rundschau" an die Jazz-Club-Zeiten in Hohenlimburg vor 50 Jahren.